Die Vorteile sprechen für sich selbst

Zentralabteilung gewerblicher Rechtsschutz verwendet die Spracherkennung "Dragon"

STUTGART - Jörg Preiss sitzt vor dem Terminal und spricht in das kleine Richtmikrofon an seinem Kopfhörer. Nein, hier ist kein Call Center. "Ich schlage vor", sagt er, und auf dem Bildschirm formen sich die Worte "Ich schlage vor". Jörg Preiss von der Zentralstelle Marken- und Namensrecht arbeitet mit einem Spracherkennungssystem. ZG, die Zentralabteilung Gewerblicher Rechtsschutz in Stuttgart-Feuerbach, setzt als eine der ersten Abteilungen bei Bosch in größerem Maßstab ein Werkzeug wie "Dragon NaturallySpeaking" ein. Seit Ende des letzten Jahres benutzt knapp die Hälfte der 104 Mitarbeiter in der Wernerstraße die 44 Systeme, mit deren Hilfe Schriftstücke "mündlich" verfasst werden können.

Es ist kein Zufall, dass ZG eine Pionierrolle spielt. Abteilungchef Bertram Huber hat sich selbst seit rund vier Jahren für die neue Technik engagiert. "Wir hatten schon früh Pilotsysteme", berichtet Torsten Gerber, der bei ZG neben Patentdokumentation und -Recherche die Informationsverarbeitung betreut. Das Programm sei für die Abteilung, die viel Schriftverkehr bewältigen müsse, sehr interessant. Die Erfahrungen nach den ersten sechs Wochen sind insgesamt "positiver als erwartet".

Das System, in enger Zusammenarbeit mit Doris Schlumberger von der Sindelfinger Firma ASKA auf die Bedürfnisse der Patent-, Lizenz- und Markenexperten bei Bosch zugeschnitten, arbeitet mit einem Standardwortschatz, der mitgeliefert wird. Er wurde erweitert um den speziellen Fachwortschatz, das Patentgesetz, Begriffe zu Lizenzen, Marken und das spezifische Bosch-Technik-Vokabular.

Technik und Mensch müssen allerdings, bevor es losgeht, erst lernen: der Benutzer liest einen Trainingstext, um das System an seine Sprachmodulation zu gewöhnen. Aber auch der Mitarbeiter muss sich auf eine neue Arbeitsweise einstellen. "Man wird dazu erzogen, sauber zu diktieren", sagt Preiss. Andererseits könne man dabei in der Akte blättern".

"Ich diktiere entspannter in die Maschine, und bleibe besser dran", hat ZG-Leiter Huber festgestellt. Rudi Kisselmann, Leiter der Zentralstelle Patente ZGM1 meint, vor allem bei längeren Schriftstücken seit der Gewinn an Zeit bemerkenswert.

Ohne Probleme ging es freilich nicht ab. Mitunter führte die Suche des Systems beispielsweise bei schwierigen Namen zu ungewollt komischen Formulierungen. Auch bei manchen Zweifelsfällen der deutschen Sprache (Groß- und Kleinschreibung von "sie") muss der Benutzer noch selber mit Hand anlegen und den Text in die korrekte Form bringen. Über Berichtigungen, die dem Wortschatz zugefügt werden, lernt das System ständig dazu. Unabdingbar ist eine gute Qualität der Mikrofone; ein minderwertiges kann alles verderben. Wichtig ist ein geringer Geräuschpegel im Büro.

Zu den Vorteilen zählt Gerber die Punkte, dass man die Hände frei hat, dass der diktierte Text sofort sichtbar ist, dass die gesamten Vorgänge wesentlich schneller bearbeitet werden können. Von einem gleichmäßigeren Arbeitsfluss spricht Huber. "Dragon NaturallySpeaking" lässt sich rasch auf Englisch umstellen; in 20 bis 30 Sekunden kann das Diktieren in englischer Sprache fortgesetzt werden.

Die zu geschriebenen Worten geronnene Sprache kann auch wieder zu akustischem Leben erweckt werden. "Auf Anforderung liest mir das System den Text auch wieder vor," berichtet Kisselmann. "Einmal kann ich mich selbst hören, daneben gibt es aber auch die Version, dass eine neutrale Frauenstimme spricht". Auf diese Weise können Fehler beim Diktieren leichter erkannt werden. In der Bilanz jedenfalls haben die Pioniere bei ZG keine Zweifel: die positiven Wirkungen von "Dragon" sprechen gewissermaßen für sich selbst.

(Quelle: Bosch-Zünder 3/2003)